Was ich sagen würde (Audio u. Text) [CN: Essstörung]

Eine Antwort

 

„Danke, ich bin schon ziemlich lange ziemlich essgestört. Das ist aber in Ordnung, wir haben uns arrangiert. Wissen Sie, wenn ich vor dem Spiegel stehe, sehe ich eine gewissermaßen modifizierte Version meiner Selbst. Was ich sehe: Ein Gesicht, von dem ich mich frage wie irgendjemand erträgt, es überhaupt anzusehen. Hände, die vom häufigen Waschen nach dem Kotzen völlig ausgetrocknet sind. Sehen die Abschürfungen an den Knöcheln? Das ist ein sogenanntes typisches Zeichen für Bulimie; sie kommen von den Zähnen, wegen Hand in den…naja, Sie wissen schon. Ich erspare ihnen mal die zugegebenermaßen ekelerregenden Details. Mein Gesicht, das ist aufgequollen. Die angeschwollenen Backen, auch so ein typisches Zeichen. Die Drüsen schwellen an, weil sie durch das Kotzen gereizt werden. Darum sehen Menschen mit Bulimie oft ein bisschen aus wie Hamster – hamstern ja auch Essen. Aber entschuldigen Sie bitte, das war unpassend, lediglich eine meiner üblichen Verarbeitungsstrategien, aber auch damit will ich sie nur am Rande behelligen. Die Haut um die Augen schwillt ebenfalls an und ist gerötet, vereinzelt können die Blutgefäße in den Augen reißen, zu sehr in Mitleidenschaft gezogen durch den Druck, der auf den Kopf wirkt. Diese gebückte Haltung über der Toilette und naja, dann das ganze Essen, dass so an sich eher unfreiwillig wieder nach oben gelangt. Das kann dann schon mal passieren.

Die Verdauungsorgane verzeihen eine*m die ganze Angelegenheit auch nur schwer, aber das ist nicht so schlimm, schließlich sieht das ja niemensch und wir wissen schließlich alle, das Bulimiker*innen nur an dem interessiert sind, was von reflektierenden Oberflächen zurückgeworfen werden kann. Daher haben die das ja auch quasi verdient. Wenn mensch sich schon mit so etwas nebensächlichem wie Essen überhaupt ernsthaft auseinander setzen muss, ist das ja an sich schon Versagen, oder? Wer nicht spielerisch, leichtfertig, glücklich gesund, dünn, schlank und sportlich ist…ist, ja…selbst Schuld. Im Übrigen sollten wir nur lernen das gute im Leben zu sehen. Ein bisschen gesunde Ernährung, ein bisschen mehr LEICHTIGKEIT und die Sache flutscht.

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Ich schätze, ich habe das mit der Leichtigkeit tendenziell überinterpretiert. Wissen Sie, ich wollte das wirklich gerne so machen. Leicht, schön, schlank und glücklich sein, diese ganzen Sachen, die ja eigentlich so einfach wären, wenn da nicht ich wäre und mein Leben und meine Geschichte. Aber Sie haben schon Recht, ich hätte darüber hinwegkommen müssen. Sie können mir glauben, ich habe sehr hart dafür gearbeitet um über mich selbst hinweg zu kommen. So sehr, dass ich mich fast hinüber bekommen habe. Mit sinkendem Gewicht, sinkt die Körpertemperatur. Die durchschnittliche Körpertemperatur von Menschen mit Anorexie liegt zwei Grad unter der Normaltemperatur von Menschen mit einem sogenannten normalen Gewicht. In Folge des Energiemangels folgen: Schwächegefühl, Ohnmacht, Aussetzen des Herzschlags, Blutarmut, Vitamin- und – tja, das liegt in der Natur der Sache – Nährstoffmangel. Der Körper kämpft um sich und tut, was jede*r gut*e Ökonom*in tut: Er spart. Spart an den Haaren, den Nägeln, der Haut, am Schluss dann auch den Knochen, die immer dünner werden. Ganz am Ende schrumpft das Gehirn. Das dauert aber ’ne Weile und ich hab nur wenige kennen gelernt – bzw., das was von ihnen übrig war -, die das hinbekommen hätten.

Die diese DISZIPLIN hatten. Ich hatte sie nicht. Ich bin ehrlich gesagt nicht mal bis zum Haarausfall gekommen. Auch das mit der Schwäche hat nur so begrenzt geklappt, wenn, dann eher weil mein Herz aufgrund des Kaliummangels ab und zu ins Stolpern gekommen ist. Aber schwach bin ich nicht geworden. Obwohl ich mir das so sehr gewünscht habe, diese Leichtigkeit im Brustkorb, in den Knien, dieses leichte Zittern, diese viele kleinen Zeichen, die ankündigen, dass du dich bereit machst, um davon zu fliegen. Wissen Sie, es gab für mich immer zwei Arten von Leere: Die Eine, weil ich nichts gegessen habe. Und die Andere, nach dem Kotzen. Ich mochte diese Leere immer lieber, weil sie auf ihre Art so vollkommen war. Schließlich bestimmten meine eigenen, trockenen, blutigen Hände, wie viel ich aus mir rausbringen würde. Das Spülen nach dem Kotzen – also, das Trinken und wieder auskotzen von Wasser, um den Magen auszuspülen – ruiniert den Elektrolytehaushalt. Bulimie, hab ich mir mal gedacht, dass ist ständige Retraumatisierung. Mit jedem Essanfall, mit jedem Kontrollverlust habe ich mich selbst daran erinnert, wie es sich anfühlt, wenn dir die Welt aus den Händen gerissen wird. Meine Hände, meine Hände, meine Hände, die meinen Magen füllen und ihn leeren. Jedes mal wenn ich kotze hole ich mir ein Stück meiner Welt zurück. Ich lächle das Gesicht im Spiegel an und spüre der Macht nach, die meine Hände haben. Lasse meine klebrigen Hände meinen Körper abtasten und suche nach dem Beweis für die Leere in meiner Magengrube. Um mich herum, die Reste der Träume die ich gerade aufgegessen habe. Das Konzert heute Abend? Mein liebeskranker Mitbewohner im Nebenzimmer? Sie ahnen es bereits, wir Essgestörten, wir sind egoistisch. Meine 5 Familienpackungen Snickers, die McDonalds Tüte und das Eis, wir feiern heute Abend unsere ganz eigene Party. Dummerweise greift keine Konsumkritik mehr, wenn meine Hände zugreifen. Gewissermaßen eine unmoralische Krankheit, finden Sie nicht auch? Die Lügen, die Verschwendung, die Einsamkeit, der Betrug.

Ich weiß, ich weiß, sie sagen mir gleich, dass ich Hilfe brauche. Die hatte ich auch, viele, viele Male. Undankbar wie ich bin, verweigere ich mich kontinuierlich dem Happy End, dass uns die klinische Psychologie so hartnäckig verspricht. Beim ersten Mal habe ich noch daran geglaubt, dass ich in ein paar Monaten, als neuer glücklicher, leichter, sportlicher – und so weiter – Mensch aus den Toren der Klinik schreiten würde, aber ich habe, meinen beschränkten Fähigkeiten entsprechend, nicht das erwünschte Ergebnis herbei führen können. Ich bin krank geblieben und war darüber hinaus nicht einmal STARK genug, um sichtbar zu machen, dass mein Ziel die Unsichtbarkeit ist. Sie haben Recht, meine Kotzerei bringt noch nicht einmal wirklich was. Wenn ich WENIGSTENS wirklich ABNEHMEN würde. Daran sieht mensch ja, dass es so schlimm nicht sein kann. Leute die WIRKLICH eine Esstörung haben, denen sieht mensch das ja an. Das weiss mensch ja. Aber nicht einmal das. Ich weiß, das hätten sie ja gar nicht gedacht mit der Essstörung. Sieht mensch mir ja gar nicht an. Vielen Dank, wir fühlen uns geehrt.

Ein Glück, das ich kotze!

Ein bisschen blöd an der Sache ist, dass sich 10 Prozent aller Menschen mit Essstörungen im Laufe der ersten zehn Jahre ihrer Krankheit das Leben nehmen. Ich bin im siebten Jahr. Still skinny. Die Rückfallquote liegt in etwa so hoch wie bei Heroinabhängigkeit. Aber wissen Sie was? Scheiss doch was drauf. Scheiss auf die Zeit. Scheiss auf die Freunde. Scheiss auf die vielen guten Momente. Scheiss auf meine Gesundheit. Scheiss auf meinen Genuss. Scheiss auf meine Gedanken. Scheiss auf meine Depressionen. Scheiss auf meine Liebe. Scheiss auf meinen Sex. Scheiss auf mein Bankkonto. Scheiss auf meine Angst. Scheiss auf meinen Selbsthass. Scheiss auf meine Schmerzen. Scheiss auf meine Arbeit. Scheiss auf meine Bücher. Scheiss auf meinen Schulabschluss. Scheiss auf meinen Urlaub. Scheiss auf meine Familie. Scheiss auf die Wahrheit. Scheiss auf meine Träume. Scheiss doch drauf. Scheiss auf meine Nacht.

Wenigstens bin ich…

…bin ich nicht.

Wenigstens bin ich gar nicht da.

Ich danke Ihnen für das Gespräch.“

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